Die Ghost-Recon-Community dreht sich seit einigen Wochen im Kreis, und ehrlich gesagt kann ich das gut verstehen. Die Leaks rund um Ghost Recon Project Over, den nächsten Teil der Franchise, haben eine Welle der Enttäuschung ausgelöst, die ich so in dieser Community selten erlebt habe. Als jemand, der seit dem ersten Teil dabei ist und unzählige Stunden in Wildlands und Breakpoint versenkt hat, möchte ich dir hier alles aufdröseln: Was wurde geleakt, was bedeutet das für die Zukunft der Reihe, und warum ich glaube, dass Ubisoft mal wieder komplett an seiner eigenen Community vorbeientwickelt.
Was steckt hinter den Project-Over-Leaks?
Die Informationen, die aktuell kursieren, stammen laut eigener Einschätzung von Tom Henderson von Insider Gaming. Henderson liegt bei detaillierten Leaks dieser Art meistens leider richtig, weshalb man diese Meldungen nicht einfach abtun kann. Was er beschreibt, klingt auf den ersten Blick wie ein kompletter Kurswechsel für die Ghost-Recon-Reihe.
Konkret soll Ghost Recon Project Over in einem fiktiven Nahen Osten spielen. Das Spiel soll ausschließlich in der First-Person-Perspektive spielbar sein, also keine Third-Person-Option mehr. Dazu kommt: keine Open World mehr, dafür deutlich bessere Grafik, die optisch an Titel wie Ready or Not erinnern soll. Das Gameplay soll stark MilSim-artig ausgerichtet sein, also realistischer und taktischer als alles, was Ghost Recon bisher geboten hat. Als Inspirationsquellen für das neue Spiel werden Call of Duty Modern Warfare, Battlefield, Ready or Not und Squad genannt.

Auch storytechnisch soll Project Over neue Wege gehen. Als Beispiel für die angestrebte düstere Tonalität wird eine Szene genannt, in der das Squad versehentlich fast einen Mann erschießt, der ein Baby hält, weil sie das Baby für eine Bombe halten. Das soll die moralische Ambiguität und Härte des neuen Titels unterstreichen. Ob so ein Ansatz wirklich die Stärken von Ghost Recon transportiert, ist eine andere Frage. Meiner Meinung nach klingt das vor allem nach einer ziemlich forcierten Versuch-sich-ernst-zu-nehmen-Geste, also nach dem, was ich „edgy um des edgy willens“ nenne.
Ubisoft und das Trend-Chasing: Eine lange Geschichte
Um zu verstehen, warum dieser Leak so viele Ghost-Recon-Fans auf die Palme bringt, muss man sich die Geschichte der Franchise ansehen. Und da zeigt sich ein Muster, das mich schon lange beschäftigt: Ghost Recon war eigentlich immer ein Trend-Chasing-Franchise.
Der erste Ghost Recon-Teil erschien 2001 und war im Grunde Rainbow Six, nur mit Militär statt Antiterror-Einheiten. Panzern, Infanterie, klassisches taktisches Vorgehen. Ich habe diesen Teil bestimmt fünfmal durchgespielt. Dann kamen neue Teile, und mit jedem neuen Teil hat sich die Reihe neu erfunden, meistens orientiert an dem, was gerade im Markt gut lief. Lief Call of Duty gut? Dann bekam Ghost Recon plötzlich actionreichere Elemente. Lief der Live-Service-Ansatz bei The Division? Dann bekam Breakpoint auf einmal Lootstufen und RPG-Mechaniken, die in einem Militärspiel schlicht nichts zu suchen haben.

Dieses Muster setzt sich mit Project Over fort. Modern Warfare läuft gut, Battlefield hat eine treue Fangemeinde, Ready or Not war ein Hit in der Taktik-Shooter-Community, Squad ist über Jahre hinweg erfolgreich. Also holt man sich von allen diesen Spielen Inspiration und baut das nächste Ghost Recon. Das Problem daran: Ghost Recon hatte seinen eigenen, einzigartigen Platz im Gaming-Markt, nämlich den Third-Person-Taktik-Shooter-Bereich.
Die Third-Person-Perspektive: Ubisofts einzigartiger Vorteil
Das ist für mich der Kern des Problems mit Project Over. Ghost Recon, spätestens seit Wildlands, hat einen Marktbereich für sich gepachtet, in dem es kaum ernsthafte Konkurrenz gibt. Es gibt schlicht kein anderes Third-Person-Spiel, das so funktioniert wie Ghost Recon. Diesen Platz hat Ubisoft quasi für sich allein gehabt.
Und jetzt gibt man diesen Vorteil freiwillig auf. Im First-Person-Taktik-Shooter-Bereich gibt es dagegen bereits sehr viele starke Titel. Dort ist der Markt eng und gut besetzt. Warum also ausgerechnet dorthin wechseln?
Zur Geschichte der Perspektive in der Reihe: Auf dem PC war Ghost Recon bis zu Future Soldier tatsächlich ein First-Person-Spiel. Future Soldier war dann der erste Standard-Ghost-Recon-Teil in der Third-Person-Perspektive auf dem PC. Auf Konsolen hingegen war Ghost Recon schon immer Third-Person. Ghost Recon 2 erschien sogar ausschließlich auf Konsole. Das bedeutet: Ein sehr großer Teil der aktuellen Fan-Basis, all diejenigen, die mit Wildlands zur Reihe gefunden haben, kennt Ghost Recon ausschließlich als Third-Person-Franchise.

Wildlands war übrigens das meistverkaufte Ghost-Recon-Spiel, das Ubisoft je veröffentlicht hat. Das sagt eigentlich alles. Die Third-Person-Open-World mit taktischem Einschlag hat die größte Spielerbasis dieser Reihe überhaupt erst aufgebaut. Und genau diese Spieler sollen jetzt mit einem First-Person-MilSim-Shooter abgespeist werden, der keinerlei Open World mehr bietet.
Was die Community wirklich wollte: Wildlands 2
Ich sage das offen: Ich wollte wie wahrscheinlich die Mehrheit der Ghost-Recon-Community einfach ein Wildlands 2. Kein Lootstufensystem, keine RPG-Elemente, die nichts in einem Militärszenario verloren haben, sondern einfach ein grounded, realistisches Militärabenteuer in Third-Person mit einer großen Open World. Ein echtes Land als Setting wäre der Traum gewesen, ähnlich wie Bolivien in Wildlands mit seinen verschiedenen Biomen, also Dschungel, Ebenen, Wasser, Berge.
Was ich mir persönlich zusätzlich gewünscht hätte: einen richtig fett eingebauten First-Person-Modus als Option. Nicht als Mod, nicht als Workaround, sondern als vollständig integrierte Spieloption, bei der man zwischen Third-Person und First-Person hin und her wechseln kann. Genau so etwas bietet das Indie-Spiel Black One Blood Brothers, das im Grunde ein modernes Ghost Recon im Geiste ist, nur von einem sehr kleinen Entwicklerteam. Dort kannst du zwischen First-Person und Third-Person wechseln, jedem Squad-Mitglied einzeln detaillierte Befehle geben, also welche Waffe sie benutzen, welchen Feuermodus, ob sie stehen, liegen, laufen oder sprinten sollen, ob sie Nachtsicht oder Laser aktivieren sollen, und du kannst Formationsbefehle geben. Außerdem lässt sich jedes Squad-Mitglied einzeln mit Bewaffnung und Ausrüstung anpassen, und es gibt auch eine Drohne. Das zeigt: Es ist möglich, genau das zu bauen, was sich die Community wünscht.
Ubisofts Talent, an der Community vorbeizuentwickeln: Das NFT-Beispiel
Was mich bei der ganzen Project-Over-Diskussion am meisten frustriert, ist nicht einmal der Leak selbst, sondern das Muster dahinter. Ubisoft hat eine nachgewiesene Fähigkeit, Community-Feedback zu ignorieren. Das beste Beispiel dafür ist die NFT-Geschichte rund um Breakpoint, bekannt als Quartz.
Ich war damals selbst Teil einer Fokusgruppe, in der Ubisoft dieses NFT-Projekt mit Content Creatorn und Community-Vertretern besprochen hat. Andere dabei waren unter anderem QuadGaming, Tech, Schlecky LP, Fragnat und Taladia. Wir haben Ubisoft klar gesagt: Macht das nicht. Es wird einen Shitstorm geben, es bringt nichts. Das Hauptargument: Sobald der Support für ein Spiel endet, verlieren die NFT-Items schlagartig ihren gesamten Wert. Das haben wir genau so kommuniziert.

Die Antwort von Ubisoft? Eine offizielle Meldung, die sinngemäß lautete: „Wir haben euer Feedback gehört, danke, wir machen es trotzdem.“ Und genauso kam es. Quartz wurde eingeführt, der Shitstorm kam, und die NFTs haben genau das getan, was wir vorhergesagt hatten. Wer sich in dieser Situation nicht verarscht vorkommt, dem weiß ich auch nicht mehr zu helfen. Und genau dieses Muster, also Community fragen, Feedback ignorieren, eigene Vorstellung durchdrücken, sehe ich bei Project Over wieder.
Wann kommt Project Over? Ein kurzer Ausblick
Laut den aktuellen Leaks soll Ghost Recon Project Over entweder 2025 oder 2026 erscheinen. Wenn der Release tatsächlich schon 2025 geplant ist, dann ist in diesem Jahr noch eine offizielle Ankündigung zu erwarten, wahrscheinlich rund um die Weihnachtszeit. Andernfalls dürfte eine Ankündigung irgendwann Mitte 2025 folgen. Auf Konsolen gibt es aktuell abgesehen von Arma Reforger keinen First-Person-Taktik-MilSim-Shooter, weshalb Project Over dort tatsächlich eine Lücke füllen könnte. Das ist der einzige Silberstreifen, den ich in diesem Leak erkenne.
Ich habe Future Soldier damals anfangs boykottiert, weil es kein Ghost Recon mehr für mich war. Ich habe Ghost Recon Phantoms boykottiert. Ich habe sogar Wildlands anfangs boykottiert, weil die Open World und das stark reduzierte Squad-Befehlssystem mich abgeschreckt haben. Und Wildlands ist heute mein Lieblingsteil der gesamten Reihe. Vielleicht irre ich mich also auch bei Project Over. Aber die Hoffnung wird schmaler, je mehr Details auftauchen.
Zusammengefasst: Ghost Recon Project Over soll laut Leaks ein First-Person-Only-MilSim-Shooter ohne Open World werden, mit starker Inspiration aus Modern Warfare, Battlefield, Ready or Not und Squad. Ubisoft gibt damit den einzigartigen Third-Person-Taktik-Shooter-Markt auf, den die Reihe mit Wildlands für sich allein gepachtet hatte. Das Muster des Trend-Chasing und des Ignorierens von Community-Feedback zieht sich durch die gesamte Geschichte der Franchise und wiederholt sich hier erneut. Was sich die Mehrheit der Community gewünscht hätte, wäre ein Wildlands 2 ohne Lootstufenmechaniken, mit einer glaubwürdigen Open World und First-Person als optionaler, vollständig integrierter Spielmodus gewesen.
